Wir sind ahnungslos


Seit Tagen sehen wir diese gespenstischen Bilder aus der Türkei. Polizisten, die mit schwerem Gerät gegen Demonstranten vorgehen. Protestierer, die selbst Gewalt anwenden. Uns empören diese Bilder. Ich befürchte aber: Wir haben keine Ahnung, was sich da gerade abspielt. Wir versuchen, es einzuordnen, und wir scheitern. „Wir“, das sind die Journalisten und jeder, der sich ein Bild machen will. Wie schief unser Bild mitunter ist, zeigt sich, wenn man mit Türken in Deutschland spricht. Ihr Bild ist differenzierter als das, was unser Empörungspotential zulässt.
Im besten Fall fragen wir nach der Wahrheit – und machen uns damit etwas vor. Ein Dilemma. Wir halten Bilder für die Wahrheit und wissen, dass es zumindest nicht die einzige Wahrheit gibt. Schöne einfache Welt, schöne Illusion. Die Bilder voller Gewalt sind nicht Wahrheit, sondern Wirklichkeit – und selbst davon nur ein Ausschnitt. Sie haben eine bestimmte Perspektive. Es ist Kriegstaktik, Kampf um Aufmerksamkeit mit den Mitteln der Manipulation. Die Protestbewegung lädt Bilder ins Internet hoch, die großen Zulauf beweisen sollen, die Regierung inszeniert sich über Solidaritätskundgebungen in den klassischen Medien, auf die sie im Gegensatz zum Internet noch weitreichenden Zugriff hat. Es sind Bilder der üblichen Choreographie, die wir übernehmen. Wir empören uns, wenn Claudia Roth von Polizeigewalt spricht und sollten uns vielmehr fragen, wem ihr Besuch eigentlich nützen sollte.
Wir bekommen nicht die Wahrheit vorgesetzt, sondern Sichtweisen und Perspektiven. Es sind Bruchstücke und Fetzen einer unwirklichen Entwicklung. Wir glauben dem, der uns am glaubwürdigsten erscheint. Es ist Deutungshoheit, nicht Wahrheit, weil wir das dringende Bedürfnis nach schnellen, einfachen und klaren Antworten haben. Und dabei tappen wir in die Mehrquellen-Falle. Wir glauben wirklich, dass mehr Quellen in diesem Fall auch mehr Objektivität schaffen. Dabei vergrößern sie nur das trübe Gesamtbild. Jede Seite inszeniert ihre (berechtigten?) Interessen. Und wie viele Seiten gibt es eigentlich, die Aufmerksamkeit wollen? Es bleibt eine konstruierte Wirklichkeit, die uns da vorgesetzt wird, auch wenn sie mitunter authentisch wirkt.
Wir sind es, die aus all dem ein für uns schlüssiges Gesamtbild schaffen und entscheiden, was wir glauben. Wem wir glauben. Am Ende bleiben wir ahnungslos und hecheln der vermeintlichen Wahrheit hinterher. Unsere Wahlfreiheit, aus der Schwemme an Information selektieren zu können, ist eine Illusion. Wir sind auf fremde Sichtweisen und Deutung angewiesen, die wenigstens dafür reicht, um uns eine Meinung zu bilden. Auch ich finde, dass eine Regierung, die mit brachialer Gewalt gegen Demonstranten vorgeht, irgendwann ihre Legitimation verliert. Dass Menschen für ihren freien Willen kämpfen müssen. Ich glaube, dass die Proteste ihre Berechtigung haben. Ich glaube.
Bildquelle: https://www.facebook.com/haltedurchturkei
PRISM und die Sache mit der Freiheit
Angeblich zapft der US-Geheimdienst die Server großer Internetfirmen an, mit Einwilligung von Facebook, Google und Co. Dass die Behörden ein Interesse an den Daten haben, ist wenig überraschend. Ebenfalls wenig überraschend rechtfertigen sie das mit der Abwehr von Terror, was ja zunächst einmal so schwierig wie notwendig ist. Auch im Netz kann Terror entstehen. Ob diese Generalüberwachung deshalb auch gleich in Ordnung ist, ist schwierig. Wie auch argumentiert wird, ich fühle mich dabei nicht wohl.
Ich finde, dass ein Staat ganz grundsätzlich keine andere Möglichkeit hat, als Freiheiten einzuschränken. Er ist verpflichtet, die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren. Sicherheit wiederum bringt die Freiheit, Dinge zu tun, ohne Schäden befürchten zu müssen. Dazu muss der Staat Bürger überwachen, kontrollieren und Verhalten und Äußerungen analysieren. Er braucht diese Informationen, um schädliches Verhalten zu verhindern, dass die Freiheiten anderer Bürger einschränkt. Ein Dilemma.
Und der Staat befindet sich in einer weiteren Zwickmühle. London ist bestimmt die bestüberwachte Metropole der Welt. Trotzdem hat es dort Anschläge gegeben. Vermutlich hat nicht die Videoüberwachung versagt, sondern die Behörden, die so Anschläge verhindern wollten/sollten. Vermutlich ist es auch ein Denkfehler, dass mehr Überwachung automatisch mehr Schutz bietet. Sicher ist: Mehr Technik heißt automatisch mehr Komplexität, Aufwand und die entsprechenden Ressourcen.
PRISM löst bei mir wie alle anderen Großüberwachungsmodelle so etwas wie kognitive Dissonanz aus. Ich will das eigentlich nicht und reagiere aufgrund persönlicher Befindlichkeiten, meine Argumentation ist wie die vieler anderer Menschen: Theoretisch und prinzipiell. Ich glaube aber gleichzeitig, dass Überwachung auch nützen kann. Nicht muss. Und ich bin gegen Totalüberwachung, erst recht, wenn sie wie in diesem Fall trotz offensichtlicher Unterlagen verheimlicht wird (auch von Facebook und Apple). Gleichzeitig dürfte einleuchten, dass man erst ermitteln muss, um gegen Terrorverdächtige vorgehen zu können.
Es gibt Berichte, die beispielsweise die Vorratsdatenspeicherung als völlig überflüssig bezeichnen. Möglich. Es bleibt aber beim Grunddilemma: Demokratie bedeutet Freiheit. Rechtsstaat bedeutet, Freiheiten begründet und bei konkreten Verdachtsmomenten einzuschränken, um Sicherheit, Freiheit und gleiche Rechte für alle durchzusetzen. Die Fragen danach, wie konkret ein Verdacht und wie groß ein Bedrohungspotential sein muss, bewerten die, denen politische Verantwortung übertragen wurde. Das ist oft bitter, aber so ist es in einer Demokratie wohl auch mal.
Werbeflächen in Blogs spenden

Werbung ist nicht nur nervig, sondern kann auch Gutes tun. Zum Beispiel auf soziale Projekte oder die Arbeit von Hilfsorganisationen hinweisen. Die können jede Form von Werbung gebrauchen, aber selten bezahlen. Deshalb bieten einige Organisationen wie Amnesty, Rotes Kreuz oder Kinderhilfswerk Anzeigen und Banner, die man in Websites einbinden kann. Das könnte man einfacher und effektiver mit den zahlreichen Blogs verbinden.
Viele Blogger versuchen ja, mit Werbung auf ihren Seiten Einnahmen zu generieren. Bei einigen klappt das ganz gut, abhängig von Reichweite und Zielgruppe des jeweiligen Blogs eben. Es gibt mehrere Werbenetzwerke und Vergütungsmodelle, und der Werbemarkt im Netz wächst. Trotzdem sind die Werbeflächen auf den meisten Blogs nie komplett und zu einem guten Preis ausgebucht. Genau diese weißen Flecken könnte man doch spenden, so wie es die klassischen Medien tun: Sie schalten Spots und Anzeigen für Organisationen, wenn Werbeflächen oder Werbeblöcke nicht ausgelastet sind.
Wie wäre da eine Plattform, die Blogger und Organisationen zusammenbringt? Es wäre eine Art Marktplatz für Social Advertising im doppelten Sinne: Werbung, die aufs Social Web zugeschnitten ist und für soziale Projekte trommelt. Auf dieser Plattform träfen sich Blogger, deren Werbeflächen hin und wieder leer stehen, und Organisationen, die mit ihren Anzeigen diese Lücken schließen, bis wieder eine bezahlte Kampagne aktiv wird. Für die Organisationen wäre das ein einfacher und effektiver Zugang zu Blog-Werbung. Und Blogger könnten soziales Engagement zeigen und auch gezielt soziale Projekte ohne großen Aufwand unterstützen.
Technisch wäre das wohl ohne größere Probleme umsetzbar. Möglich wäre, dass die Organisationen gezielt auf der Plattform ihre Ziele und Projekte vorstellen und entsprechende Anzeigen in den üblichen Werbeformaten anbieten. Blogger müssten diese Skripte nur noch in ihre Seiten einbinden. Möglich wäre dabei auch ein Wettbewerb, bei dem über die besten Kampagnen abgestimmt wird. Einige Blogger oder Designer könnten sogar anbieten, Kampagnen mitzugestalten, für die Organisationen Anzeigen zu designen und hochzuladen.
Möglich wäre aber auch, das über die Werbenetzwerke selbst abzuwickeln – Stilanzeigen, Blogads, Populis und wie sie alle heißen. Dort ist die entsprechende Technik vorhanden, um Werbung automatisch in Blogs einzuspielen. Die Anbieter könnten Backfills anbieten: Ist keine bezahlte Kampagne aktiv, wird über alternativen Code automatisch die soziale Werbung als Platzhalter eingeblendet. Die Blogger müssen sich dann nicht selbst um die Einbindung kümmern.
Wie ich die Telekom hassen lernte… und jetzt froh bin, sie nutzen zu können

Es ist erschreckend, wie schnell man sich ohne schnelles Internet aufgeschmissen fühlt. Fast zwei Wochen lang war ich praktisch davon abgeschnitten. Mein einziger Netzzugang bestand aus Surfsticks, die ich bis zur Drosselung durch die jeweiligen Anbieter leergesaugt habe. Mobiles Internet als Notlösung, das ist mühsam. Vodafone hatte mein DSL pünktlich ab-, mein neuer Anbieter Telekom aber nicht pünktlich angeschaltet. Offenbar war das technisch komplexer, angeblich gab es Probleme, die mir niemand erklären konnte. Jetzt hab ich wieder Internet und ein nachhaltig gestörtes Verhältnis zur Telekom.
Telekommunikation ist ein undankbarer Markt. Die Kunden wechseln ständig, weil es immer günstigere Angebote gibt. Das hat zu einer gewissen Routine geführt – bei den Unternehmen, die entsprechende gemeinsame Systeme aufgebaut haben. Und bei den Kunden, die leider noch nicht automatisch in den Genuss eines reibungslosen Übergangs kommen. Wenn sich der alte Anbieter querstellt, kann das ja noch als nachvollziehbares Nachtreten verstanden werden, denn der Kunde ist verloren. Wenn ein neuer Anbieter den Wechsel vergeigt, ist das ein Zeichen, dass irgendwas im System hakt. Daran ist nicht der Kunde schuld, aber er badet es aus.
In meinem Fall haben sich alle Vorbehalte der Telekom gegenüber geradezu frappierend bestätigt. Ich habe so oft die Kundenbetreuung angerufen, dass ich am Ende den Text der Warteschleife mitsprechen konnte. Mitarbeiter in Call-Centern besitzen grundsätzlich wenig Kompetenzen. Sie sollen den Kunden beruhigen, ihm das Gefühl geben, dass da jemand ist, der sich kümmert, der vermittelt. Ich habe gehofft, dass die Abläufe doch beschleunigt und korrigiert werden. Ich habe mich geirrt. Call-Center sind Beruhigungspillen mit kurzer Wirkdauer, die Mitarbeiter oft selbst hilflos bis ahnungslos.
Dabei zeigt sich gerade bei Problemen im Umgang mit Kunden, ob ein Konzern richtig aufgestellt ist, ob er zuhören und reagieren kann. Konkret bedeutet das, ob er bei Fehlern in standardisierte Abläufe eingreifen, Mechanismen beeinflussen und ausreichend flexibel handeln kann. Die Telekom erscheint da wie eine große Behörde: Es funktioniert, solange es läuft wie erwartet. Der Worst Case sind nicht Probleme mit Produkten. Gefährlich wird es, wenn sich Kunden ohnmächtig und ausgeliefert fühlen, weil Konzern ihnen gegenüber wie gelähmt erscheinen. Frust killt Beziehungen.