Luft und Liebe, Kapitel 2

Vor einigen Wochen habe ich mich darüber echauffiert, dass bei mir regelmäßig Anfragen eintrudeln, ob ich denn nicht kostenlos PR-beraten könnte. Dieser Kostenlos-Mentalität liegt die weitverbreitete Annahme zugrunde, dass irgendwer Leistung gratis hergeben könnte. Das ist ein doppelter Irrtum: Erstens kostet die Bereitstellung von Leistung Geld, zweitens muss ausnahmslos jeder mit Leistung Geld verdienen. Diese Erkenntnis scheint zumindest nicht so logisch zu sein, dass es jeder verstehen würde.

Seit Wochen müssen Unternehmen im Netz Prügel dafür einstecken, dass sie mit ihrer Leistung Geld verdienen wollen. Die Telekom ist doof, weil sie drosseln und diejenigen mehr zahlen lassen will, die massiv Daten saugen. Und Verlage sind doof, weil sie sich gegen den Adblocker wehren.

Verlage können Inhalte nur deshalb kostenlos im Netz anbieten, weil sie das über Werbung finanzieren. Kein professionelles Medium betreibt Journalismus als Hobby. Und es ist erschreckend naiv zu glauben, dass Bezahlschranken, Abos oder ein wie auch immer geartetes gemeinsames Finanzierungsmodell weiterhin diese Inhaltsqualität und -dichte ermöglichen würden. Es ist eine romantische Vorstellung, dass ausreichend Menschen nicht nur ankündigen, natürlich für guten Online-Content zu bezahlen, sondern es auch tun. Wenn der Adblocker-Hersteller argumentiert, dass er damit „weniger nervende Werbung“ erreichen will, sind das keine altruistischen Motive. Es ist maßlos arrogant.

Während sich am Geschäftsmodell von Adblocker niemand stört, steht die Telekom seit Wochen an der Wand. Dabei folgt die Entscheidung, bei massiver DSL-Nutzung zu drosseln, einer schlichten wirtschaftlichen Logik: Netze und deren Ausbau und Wartung kosten Geld. Gleichzeitig nutzen Dienste von Drittanbietern, Apps und Anwendungen, die wir alle so cool finden, die Infrastruktur der Netzbetreiber, ohne etwas dafür zu bezahlen. Sie machen die Geschäfte, auch über Werbung (Werbung, in diesem Fall OK) – die Telekom muss Gewehr bei Fuß stehen und die Netze finanzieren. Auch hier ist Altruismus kein Geschäftsmodell und die Telekom ist kein Nachbarschaftsprojekt.

Wer nur auf kostenlos oder billig-billig aus ist, macht die Wirtschaft und das Angebot im Internet kaputt und schadet am Ende sich selbst. Hochwertige Inhalte und stabile Netze fallen nicht vom Himmel. Wie Oscar Wilde mal sagte: Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis und von nichts den Wert.

22. Mai 2013 von Dennis
Kategorien: Internet, Medien, unmöglich | Schreibe einen Kommentar

Piratenpartei: Seefahrer ohne Kompass

Vermutlich ist es die letzte Chance für die Piraten, ein Signal zu setzen. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen an den Parteitag in Bayern. Die Piraten brauchen keine Kurskorrektur, sie brauchen eine Trendwende. Ob die gelingt, ist fraglich. Die Piraten sind gelähmt durch die ewigen Personalquerelen und ihre charmant anarchische Art. Es spricht eher weniger für einen Befreiungsschlag, wenn man sich das Chaos der letzten Parteitage anschaut.

Die Piraten haben neue Formen der Kommunikation auf Betriebstemperatur gemacht. Konkrete Inhalte, für die sich eine Mehrheit der Bevölkerung begeistern könnte, fehlen aber weitgehend. Das ist neben dem Dauer-Gezanke eines der großen Probleme der Piraten. Viele Politikfelder werden nicht bedient. Neben der Transparenz-Forderung und den netzpolitischen Ideen ist den Piraten in anderen wesentlichen Bereichen bisher immer vorzeitig die Puste ausgegangen. Am Ende bleibt ein loses Bündel aus Randthemen, Special Interest, mit dem man die große Masse nicht überzeugt.

Viele Wähler sind frustriert, weil die Piraten es nicht geschafft haben, sich mehr Substanz zu erarbeiten und Themenbereiche miteinander zu vernetzen. Das große Ganze fehlt. Und niemand vertritt starke Positionen nach außen. Dass Geschäftsführer Ponader vor die Tür gesetzt wird, ist ein erster richtiger Schritt. Schrille Typen wie Ponader schrecken die Mitte der Gesellschaft ab, in der die Piraten vor der Niedersachsen-Wahl viel Zustimmung hatten. Laut Wahlanalysen konnte die Partei weit weniger Nichtwähler mobilisieren als erwartet. So oder so: Es mangelt an charismatischen Köpfen. Momentan gibt es keinen einzigen.

Die Piraten stehen sich selbst im Weg. Das, was sie bisher praktisch unangreifbar gemacht hat, rächst sich jetzt: Mut-zur-Lücke-Politik. Die Piraten haben es versäumt, sich zu professionalisieren. Viele Menschen verbinden nichts mehr mit den Piraten – zumindest reicht das nicht, um ihnen ihre Stimme zu geben. Das Wahlprogramm der Piraten ist laut Umfrage dramatisch unbekannt. Die Piraten drohen in der politischen Realität endgültig unterzugehen. Das ist schade, denn durch die Piraten ist Politik moderner und offener geworden.

10. Mai 2013 von Dennis
Kategorien: Politik | Schreibe einen Kommentar

Lieber Sigmar Gabriel…

Sei mir bitte nicht böse, wenn ich das sage, aber: Reiß dich doch mal etwas zusammen. Euer Kanzlerkandidat hat es schwer genug nach den ganzen Peinlichkeiten. Peer hat einen Gang runtergeschaltet und will jetzt mit konkreten Inhalten überzeugen und weniger mit Ruppigkeiten. Gut so. Du aber, Sigmar, torpedierst das. Dein Tempolimit-Vorstoß von heute ist mal wieder einer deiner Alleingänge, die nicht nur nerven, sondern auch gefährlich sind. Du fährst Steinbrück und der ganzen SPD damit gehörig in die Parade.

Dass du das alte Thema jetzt wieder in die Debatte gebracht und Steinbrück zu einer Gegenreaktion genötigt hast, war unnötig. Du bist Wahlkämpfer und hättest wissen müssen, dass das Interview nicht ohne Widerhall versandet. Du hast es vermutlich auch gewusst, es waren keine unüberlegten Äußerungen. Entscheidend ist aber das Wahlprogramm der SPD, keine Einzelmeinung zu einem Thema. Das Tempolimit ist kein Thema der SPD im Wahlkampf. Viele Deutsche mögen keine Tempolimits. Und Unruhe ist Gift für euren Wahlkampf.

Auch wenn es dir schwerfällt: beherrsch dich doch bitte etwas, zumindest in den nächsten Monaten. Sprecht mit einer Stimme. Oder sprecht euch zumindest ab und haltet bei Dingen, die euch persönlich ein Anliegen sind, die Füße still. Seit Monaten preschst du vor, präsentierst Vorhaben, Papiere, alles nicht abgestimmt. Und düpierst damit Steinbrück und Steinmeier. Du überrumpelst sie mit deiner Agenda und ziehst deine eigenen Bahnen, wo ein einhelliges und stimmiges Vorgehen notwendig wäre. Politik ist nämlich kein Ego-Shooter, sondern ein Gruppensport.

08. Mai 2013 von Dennis
Kategorien: Politik, unmöglich | Schreibe einen Kommentar

Brandstifter Wolfgang Thierse

Als der SPD-Politiker gegen Schwaben in Berlin polterte, konnte man das noch als geistigen Krampfanfall eines kauzigen alten Mannes abtun. Ich war selbst für einige Jahre verhauptstädteter Schwabe und habe mich in Berlin immer willkommen gefühlt. Die Story vom angeblich übermäßigen Einfluss der Schwaben in Berlin hat einen ähnlichen Bart wie Thierse. Und dass selbst die abstrusesten Thesen immer irgendeinen Nerv treffen, wissen wir seit Sarrazin.

Auch wenn Thierse kleinlaut und halbherzig zurückgerudert ist und von einem großen Missverständnis sprach – wie alle, die sich verbal vergaloppiert haben: Jetzt zeigt sich, wie brandgefährlich es sein kann, wenn sich Politiker wie Thierse nicht oft, aber wenn, dann mit solch unüberlegten Ergüssen zu Wort melden und in ihrer Kritik keine klaren Grenzen ziehen. Das ist trotz provokanter Worte nicht nur möglich, sondern auch wichtig, um keine Fehlinterpretationen zuzulassen.

Nicht immer kommt in der Politik das Denken vor dem Reden, aber manchmal hat das schlimme Auswirkungen. Manchmal wird das zum Brandbeschleuniger, wie jetzt im Fall Thierse. In Berlin geht ein Flugblatt um, offenbar in größerem Stil. Schwaben werden darin als Ungeziefer bezeichnet, an Hauswände wurde „Kauft nicht bei Schwab`n“ gesprüht. Das ist natürlich weit dämlicher als das, was Thierse gesagt hat. Und natürlich kumuliert auch in Berlin, wie in jeder Großstadt, so einiges an seltsamen Ansichten und verachtenswerten Einstellungen. Allerdings hätte Thierse wissen müssen, dass sein unsinniges Geblubber auf fruchtbaren Boden in manchen Milieus trifft.

Thierse hat die Schwaben zu Fremden erklärt, zu Fremden in ihrer neuen Heimat, indem er ihre angeblichen Stereotype öffentlich kritisiert hat. Obwohl es den typischen Schwaben gar nicht mehr gibt, schon gar nicht als in Berlin einfallende Meute, die kein hochdeutsch kann, aber allein für Mieterhöhungen verantwortlich ist, hat Thierse sie als Eindringliche stigmatisiert. Als Eigenbrötler, die man in ihrer störenden Art in Berlin nicht tolerieren muss. Thierse hat mit seinen unreifen Pöbeleien diesen offenen Diskriminierungen den Boden bereitet. Er ist als politischer Brandstifter mitverantwortlich.

07. Mai 2013 von Dennis
Kategorien: Politik | Schreibe einen Kommentar

« Ältere Beiträge