Dear Mr. President
Sie haben es nicht leicht, lieber Herr Wulff. Es sind die schwersten Stunden für Sie, seit die Bundesversammlung damals neun Stunden brauchte, um Sie zum Bundespräsidenten zu machen. Sie haben Ihr Amt damals mit einem Makel begonnen. Als Präsident, den keiner so wirklich wollte. Weil Ihnen die Plakette Ihrer Partei zu offensichtlich am Revers hing, weil Sie damals ja noch Parteipolitiker waren. Und weil sie damals schon so unbeschreiblich glanzlos waren.
Kern Ihres Problems ist nicht der Kredit. Nicht mehr. Sie haben sich ein Häuschen gebaut, vermutlich war das Bauland teuer. So viel Geld hat niemand. Auch ich frage Freunde, ob sie mir Geld leihen können, wenn wir unterwegs und keine Geldautomaten in der Nähe sind. Sie haben einen befreundeten Unternehmer gefragt. Und mit ihm den Urlaub verbracht. Und ihn auf Reisen mitgenommen. Das war naiv und unüberlegt, Herr Wulff. Sie haben den Fehler nun eingeräumt. Auf Ihre Weise. Das war dumm.
Sie müssen und sollten wissen, dass sich ein Bundespräsident kraft seines Amtes an ganz anderen Maßstäben messen lassen muss. Sein Amt ist ein symbolisches, er lebt von Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Moral. Und es geht um Integrität, in diesem Fall mehr als um alles Juristische. Wahrheit. Aufrichtigkeit. Anstand. Das ist es. Das ist das Problem. Sie haben nicht die ganze Wahrheit gesagt. Sie haben notgedrungen – nicht freiwillig – zugegeben, damals nicht alles gesagt zu haben.
Salami-Taktik. Das allein ist eines Bundespräsidenten unwürdig, seine Glaubwürdigkeit bedroht. Wenn Sie dann argumentieren, damals rechtlich korrekt gehandelt zu haben, stellt sich mir und vielen die Frage nach Ihrer Sensibilität, Ihrer Einsicht. Sie zeigen sich jetzt transparent, legen alles offen. Über Ihre Anwälte. Ein Präsident, der Anwälte einschalten muss. Das macht mich traurig. Ihr sorge mich um das Amt. Nicht um Sie.
Wenn Sie sich durch die Annahme eines Kredits in finanzielle, aber vor allem moralische Abhängigkeit eines Unternehmers begeben, kann, darf und muss man das kritisieren, wenn man weiß, wie Sie in anderen Situationen Ihr Umfeld und Ihre Position zu nutzen wussten. Maschmeyer, Air Berlin-Upgrade, politische Einladungen an Freunde. Sie haben bisher nur von einem Missverständnis, von Fehlinterpretationen gesprochen. Eine Entschuldigung hat man bisher nicht gehört, Herr Wulff zu Guttenberg.
Wenn Sie jetzt weiter in Bedrängnis geraten, während Sie Ihre feierliche Ansprache vorbereiten (zu welchem Thema eigentlich), und wenn Sie zulassen, dass die Medien Sie weiter demontieren – Spiegel, Bild (Sie haben ein Problem) –, dann schadet das dem Amt. Sie müssen ein Vorbild sein, kein Feindbild. Vielleicht manifestiert sich letztlich in dieser öffentlichen und zunehmenden Entrüstung nur die Unzufriedenheit mit einem Präsidenten der Leidenschaftslosigkeit.
Ja, klare Worte. Man kann es durchaus symbolisch oder symptomatisch verstehen, dass die Auseinandersetzung um den Bundspräsidenten am Ende dieses Jahres steht. Eines Jahres, in dem wir in vielen Fällen mit Erwartungen und Ansprüchen an Glaubwürdigkeit und Vertrauen gegenüber führenden Personen in der Öffentlichkeit, gegenüber Leitbildern, Vorbildern, Eliten unseres Landes gerungen haben.
Zu Wulff ist viel geschrieben worden. Viel unerträglicher Unsinn, viel Demagogie. Desto wichtiger ist dieser Blogbeitrag von Dennis Sulzmann, der mit wenigen klaren Worten sagt, was Sache ist.
Am Ende dieses Jahres und der Causa Wulff zeigt sich deutlich, was die Dezemberbotschaft der Initiative “Das Glaubwürdigkeitsprinzip” war, nämlich dass es oftmals auf Mut ankommt und dass Ehrbarkeit, Glaubwürdigkeit und Vertrauen eine mutige Kommunikation erfordern. Das gilt auch für den Bundespräsidenten:
http://glaubwuerdigkeitsprinzip.de/2011/12/glaubwuerdige-kommunikation-erfordert-mut-zum-grundprinzip-erfolgreicher-pr-jenseits-der-komfortzone/
Wolfgang Griepentrog,
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