Wulff: Die Medien tun, was sie tun müssen
Der österreichische Aphoristiker Alfred Polgar hat es immerhin schon vor etwa einem Dreivierteiljahrhundert auf den Punkt gebracht: Die Presse hat auch die Aufgabe, das Gras zu mähen, das über etwas zu wachsen droht. Der Satz beschreibt die Kernaufgabe der Presse, zu kontrollieren und zu kritisieren. Dass viele Bürger in der Berichterstattung über Bundespräsident Wulff eine Kampagne sehen, ist undifferenziert und traurig.
Die Presse erfüllt eine öffentliche Aufgabe, wenn sie in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt oder auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirkt.“
§ 3 Landespressegesetz Baden-Württemberg
Die Medien und die Affäre Wulff. Informieren und kritisieren. Das System funktioniert – mit wenigen Ausnahmen. Aber die gibt es in einer reichhaltigen Medienlandschaft. Die Medien – nicht alle, aber die Mehrheit – berichten redlich und ernsthaft. So, wie wir alle es erwarten und erwarten dürfen. Es sind ursächlich nicht die Medien, sondern Wulffs Verfehlungen, die der Affäre immer neue Kapitel und Fußnoten hinzufügen. Er hat bisher nur zugegeben, was die Presse herausgefunden hat.
Die Medien ermöglichen uns, dass wir uns ein Bild des Bundespräsidenten machen können, von dem man in seiner bisherigen Amtszeit nur sporadisch etwas und nie etwas zu den großen Themen gehört hat. Sie ermöglichen uns, dass wir uns mit ihm, seinen Werten und letztlich seiner Glaubwürdigkeit auseinandersetzen.
Falls Freiheit überhaupt irgendetwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen“.
George Orwell (1903-1950), britischer Schriftsteller
Die Medien erfüllen ihre öffentliche Aufgabe: Unabhängig vom Amt, das nicht durch die Berichterstattung, sondern durch das falsche Verhalten des Amtsinhabers beschädigt wird. Problematisch wird es, wenn die Debatte auf die Rolle der “Bild” zugespitzt wird. Natürlich ist diese Zeitung kein Nachrichtenmagazin, sie sieht sich selbst nicht als solches. Und natürlich wählt die “Bild” Inhalt und Zeitpunkt ihrer Berichterstattung ganz bewusst. Die Affäre hat unser Bild von der “Bild” nicht verändert.
Die Presse muss die Freiheit haben, alles zu sagen, damit gewisse Leute nicht die Freiheit haben, alles zu tun.“
Stewart Alsop (1914-74), US- Journalist
Kritiker der Medien offenbaren in dieser Affäre ein seltsames und gefährliches Verständnis von Pressefreiheit und Demokratie. Viele wünschen sich, dass die Medien ihre kritische Berichterstattung über Wulff beenden. Das wäre: Gefälligkeits-Journalismus. Mehr nicht. Und solch eine Presse kann niemand wollen. Niemand, dem demokratische Grundwerte wichtig sind. Und niemand, der einen Bundespräsidenten will, der sich das Vertrauen auch verdient hat.
Die Medien klären auf, weil Wulff selbst nicht für Aufklärung steht. Sie fordern Konsequenzen, weil Wulff Konsequenzen ablehnt. Sie machen ihren Job – und wir sollten froh sein, in einem Land mit freier Presse zu leben.